Interview mit Gotthold E. Lessing


LessingI: Guten Tag, Herr Lessing! Herzlich Willkommen an der Mathilde-Weber-Schule. Schön, dass Sie sich auf den weiten Weg nach Tübingen gemacht haben.

L: Guten Tag, ich danke Ihnen für die Einladung.

I: Sie haben viele Erfahrungen in Ihrem Leben gesammelt. Ihr Berufsleben war nie eintönig. Berichten Sie uns doch bitte von Ihrem Leben.

L: Nach dem Hausunterricht bei meinem Vater absolvierte ich eine Lateinschule. Diese Eliteschule konnte ich aufgrund meiner herausragenden Leistungen frühzeitig verlassen. Ab 1746 studierte ich Theologie und Medizin an der Universität zu Leipzig. Bereits nach zwei Jahren brach ich das Studium ab, das meine Eltern mir aufgezwungen hatten. Ich wollte meine eigenen Entscheidungen treffen und meine Interessen vertiefen. In Berlin beschäftigte ich mich hauptsächlich mit Theater und Kunst. Eine abgebrochene Weltreise mit einem reichen Kaufmannssohn zeigt vielleicht, wie umtriebig und unzufrieden ich in dieser frühen Zeit meines Lebens war. Ich bewarb mich auf eine Stelle als Bibliothekar an der Königlichen Bibliothek Friedrich des Zweiten, wurde aber schmachvoll abgelehnt. Ab 1776 hatte ich die Chance in Hamburg bei der Gründung eines ersten deutschen Nationaltheaters dabei zu sein. Es zeigte sich, dass die Menschen damals nicht als Publikum für meine modernen Ideen als Dramaturg und Berater taugten, sodass das Theater bald darauf wieder schließen musste. Enttäuscht lebte und arbeitete ich schließlich in Wolfenbüttel als Bibliothekar am Existenzminimum.

I: Das ist wahrlich ein erstaunliches Leben. Zum Jubiläum der Uraufführung von „Emilia Galotti“ stellt sich uns und unseren Lesern natürlich die Frage, was Sie an biografischen Fakten in diesem Werk eingebracht haben.

L: Diese Frage berührt die intimsten und grauenvollsten Details meines Lebens und Schaffens. Die „Emilia“ entstand zwar schon fünf Jahre vor den schrecklichen Ereignissen, von denen ich Ihnen sogleich berichten werde, aber gewissermaßen habe ich diese Ereignisse bereits in der „Emilia“ vorweggenommen.
Meine Frau und ich waren ein glückliches Paar, bis mein Sohn und meine Frau 1777 in kurzer Folge hintereinander verstorben sind. Ich habe die Verzweiflung durchlebt, die auch Odoardo Galotti als unglücklicher Vater gespürt hat.

I: Was unterscheidet Ihre Dramentheorie von anderen?

L: Aristoteles formulierte vor 2000 Jahren, wie ein Drama, eine Tragödie aufgebaut sein soll. Er schrieb auch vor, dass Helden mit übermenschlichen Kräften und Könige auftreten sollten. Ich bin der Meinung, dass diese Art von Theater nicht mehr in unsere Gesellschaft passt. Ich schuf Charaktere, mit denen sich der Leser oder der Zuschauer identifizieren konnte. Ich schuf das bürgerliche Trauerspiel.

I: Wieso bekommt „Emilia“ kein Happy End?

L: Die Bestimmung der Tragödie ist diese: Die Zuschauer sollen Furcht und Mitleid fühlen, um ihre Seele zu reinigen. Figuren, wie Emilia, die grundsätzlich gut sind, müssen unglücklich werden oder Unglück erfahren. Das stelle ich in des Dichters Gutbefinden, ob er lieber die Tugend durch einen glücklichen Ausgang krönen oder durch einen unglücklichen uns noch interessanter machen will.

I: Ihre Ideen hören sich sehr vielversprechend an. Warum haben Sie sich völlig aus der Theaterarbeit zurückgezogen?

L: Als Dramaturg in Hamburg und als Theatertheoretiker konnte ich die Grenzen der damaligen Zeit schmerzhaft erfahren. In der teilweise niederschmetternden Kritik an „Emilia Galotti“ wurde mir bewusst, dass die Bühne unwirksam und ohne Einfluss war. Die Theaterarbeit hat an Reiz verloren und nicht selten gereicht sie mir zu dem äußersten Ekel. Mein Rückzug war nur konsequent.

I: Warum hat Emilia nicht richtig um Appiani getrauert?

L: Sie hat Appiani nicht richtig geliebt. Es handelte sich vielmehr um eine arrangierte Hochzeit. Sie macht im Stück eine persönliche Entwicklung durch: Vom angepassten Mädchen, entwickelt sie sich zu einer entscheidungsfähigen Frau – mit allen tödlichen Konsequenzen. Das Frauenbild von damals war ein ganz anderes als das von heute. Das war eine aufsehenerregende Neuerung!

I: Sie haben einmal folgende Äußerung von sich gegeben: „Je näher ich gegen Ende komme, je unzufriedener bin ich selbst damit.“ Was meinen Sie damit?

L: Damals herrschte eine strikte Zensur und es lag ein rückständiges Menschenbild vor. Diese beiden Faktoren haben meine Arbeit eingeschränkt. Diese Grenzen der gesellschaftlichen Norm wollte ich nicht überschreiten. Um Emilias Tugend zu bewahren, musste sie sterben. Das tat sie aber aus eigener Entscheidung. Mit diesem Ende bin ich nicht vollkommen zufrieden, denn das Böse bleibt ungestraft. Der unausgesprochene Wille zum Aufstand und zur Revolution blieb unausgesprochen. Das Werk war seiner Zeit weit voraus.

I: Wie finden Sie es, wenn Emilia am Ende der Berliner Inszenierung nicht stirbt?

L: Ich bin grundsätzlich unzufrieden, denn die Zuschauer sollten zum Nachdenken und Mitfühlen angeregt werden.

I: Warum wird in der Berliner Inszenierung so viel über Gestik und Mimik kommuniziert, aber in der Stuttgarter Inszenierung liegt der Fokus auf der Sprache?

L: In der Emilia habe ich wenig Nebentext eingearbeitet, das heißt, dass es sehr wenige Anmerkungen zu Gestik, Mimik und Modulation der Sprache gibt. Das führt zu unterschiedlichen und von mir gewollten Interpretationsmöglichkeiten.

I: Warum tötet der Vater Emilia und nicht Marinelli oder den Prinzen?

L:  Odoardo nimmt die Schuld des Mordes auf sich, um seine tugendhafte Tochter vor der Schuld des Selbstmordes zu bewahren.

I: Ich danke Ihnen sehr herzlich für das Interview!